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Der erste Mental-Load-Selbsttest, oder: Schluss mit der „Romantik“!

DIESER TEXT ERSCHIEN AM 12.10.2019 AUCH ALS GASTBEITRAG AUF DIE ROSA-HELLBLAU-FALLE

 

„This is not a problem with you and it’s not a problem with me.

It’s a cultural problem. We have to unlearn a lot of things together in order to move forward.“

Gemma Hartley [1]

 

 

„Er/Sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab!“

„Manchmal denken wir gleichzeitig genau denselben Gedanken!“

„Wir verstehen uns ohne Worte!“

 

Kenne Sie solche Sätze? Sagen Sie sowas vielleicht selbst? Oder reagieren Sie mit einem Augenrollen (und dem leichten Anflug von unterdrücktem Neid), wenn ein Paar Ihnen so was ins Ohr säuselt? Können Sie verhindern, dass Sie dann doch reflexartig an den Beginn Ihrer eigenen Beziehung denken? Gerade frisch zusammengezogen. Jeder Tag ein Abenteuer, jedes Gespräch eine Reise, alles schön einfach und einfach schön…

 

Nach den ersten vorsichtigen Upgrades in Sachen Verbindlichkeit kommen häufig diese und andere Spielarten folgender Sätze hinzu:

 

„Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern dass, was man bereit ist zu geben.“

„Liebe ist, wenn dir jemand wichtiger ist als du selbst.“

„Liebe ist, wenn man bedingungslos liebt – mit allen Ecken und Kanten.“

 

Denn: Romantische Liebe kennt keine Banalitäten, keine Zweckmäßigkeit, keine Struktur. Romantische Liebe ist Spontanität, Leichtigkeit, ein Flow, ein Surfen auf der Welle der ultimativen geistigen und körperlichen Symbiose.

 

Deshalb ist es auch keiner Erwähnung wert, wenn sie* öfter mal die Küche aufräumt. Oder die dreckigen Socken vom Fußboden neben dem Bett klaubt und in den Wäschekorb befördert – der steht ja ohnehin direkt in Reichweite. Oder den Teller von der Arbeitsplatte in die Spülmaschine räumt – das hätte er* einfach später gemacht. Oder die Geburtstagskarte für seine* Oma besorgt – es ist ja jetzt auch ihre* Oma. Oder das Putzmittel nachkauft – das benutzt sie* ja ohnehin viel öfter.

 

Erste Irritationen machen sich bemerkbar, doch die romantische Liebe ist stark genug, um den Anflug von Störung schnell wegzurationalisieren:

 

„Er hat da einfach keinen Blick für.“

„Mein Sauberkeitsempfinden ist halt ein anderes.“

„Das machen Männer ja eh nicht (so gern).“

„Er geht schließlich den ganzen Tag arbeiten.“

„Ach, dieses ganze Aufrechnen … so stelle ich mir eine Beziehung echt nicht vor.“

„Ich liebe ihn so, wie er ist.“

„So ist er halt.“

„So bin ich halt.“

„So sind wir halt“.

„Es könnte ja auch schlimmer sein.“

 

Das Ergebnis: Frauen* übernehmen den Löwinnenanteil an Care-Arbeit (Haushalt & Kinder) und halten das auch noch für ihre Pflicht. Das Diktat der romantischen Liebe verbietet Profanitäten wie Planen, Gegenüberstellungen, Aufrechnen, Listen, Verabredungen. „Ich liebe ihn doch!“ mit der Implikation der romantischen Aufopferung wird zum Mantra der Selbstunterdrückung.

 

Klar, niemand putzt gerne das Klo. Das Ergreifen von Vermeidungsstrategien – bewusst oder unbewusst – ist nachvollziehbar. So etwas passiert immer, wenn nicht nur eine, sondern mehrere Personen theoretisch für etwas zuständig sind, von dem alle profitieren. Die Tragödie der Allmende (tragedy of the commons) besagt, dass das Allgemeingut in vielen Situationen deswegen nicht zur Verfügung gestellt wird, weil jede*r lieber als Trittbrettfahrer*in unterwegs ist.

 

Jahrhunderte patriarchaler Indoktrination haben aber (glücklicherweise?) dafür gesorgt, dass die Zivilisation trotz allmende-tragischer Paarbeziehungen nicht untergegangen bzw. an chronisch verschmutzten Klos verendet ist. Das Lösungsmodell ist simpel: Von Kindesbeinen an wird klargestellt, dass in geschlechtergemischten Gruppen für das Allgemeingut – in diesem Fall also die Care-Arbeit – nur eine bestimmte Untergruppe zuständig ist. Und zwar? Richtig! Die Frauen*. Wie das funktioniert?

 

Bereits vor der Geburt sprechen Menschen mit einem ungeborenen Kind auf ganz unterschiedliche Weise – je nachdem, ob es sich bei den via Ultraschall gesichteten Genitalien um eine Vulva oder einen Penis handelt [2]. Ab Minute 1 auf dieser Welt bekommen Mädchen* mehr Haushaltsspielsachen (z.B. Kochtöpfe, Kinderwagen, Puppen, etc.) und Jungen* mehr Außenweltspielzeug (z.B. Fahrzeuge, Werkzeug, Waffen, etc.) geschenkt [3]. Bei der Kleidung gibt es ebenfalls klare Unterscheidungen. Für Mädchen* deklarierte Garderobe hat hellere Farben, dünnere Stoffe, weniger Taschen, ist oft weniger „praktisch“ und dafür „hübsch“. Für Jungen* deklarierte Outfits sind funktional, robust und in dunklen Farben gehalten, damit man die Flecken nicht sofort sieht, die sich Jungs* zuziehen, wenn sie wild draußen toben, wie Jungs* das so machen, weil Jungs* ja Jungs* sind und keine … äh … Mädchen*.

 

Von Anfang an werden Mädchen* zu Care- und Beziehungsarbeit erzogen. Sie sind angeblich „sensibler“, „gefühlsbezogener“, „kommunikativer“, „organisierter“, haben „mütterliche“ und andere „Instinkte“, und sind, durch ihre „evolutionäre Anlage“, eine „Familie gründen“ zu „wollen“, eher auf die Bewirtschaftung der Wohnstatt fokussiert als auf – sagen wir – die Welt zu retten. In Kombination mit dem tradierten Bild romantischer Liebe, welches Werbung, Gesellschaft und Religion gemeinschaftlich multiplizieren, ergibt sich eine Gemengelage, die dazu führt, dass die Fürsorgearbeit und der Mental Load (=das zum großen Teil auch kognitive Managen aller Fürsorgearbeiten) in heterosexuellen Paarbeziehungen überwiegend der Frau* zufällt.

 

Dank globaler feministischer Bewegungen wie der Care Revolution und dem Equal Care Day [4] sowie Autor*innen wie u.a. Emma (die französische Comic-Zeichnerin, nicht das Frauenmagazin), Patricia Cammarata und Gemma Hartley nimmt die Sensibilisierung für diese Thematik stetig zu [5]. Die Machtverhältnisse hinter zweifelhaften biologischen Zuschreibungen werden immer häufiger benannt und hinterfragt.

 

Frauen* streiken. Männer* beginnen, ihre obligatorische Hälfte der Care-Arbeit selbst einzufordern, weil auch sie die komplette Erfahrung des Menschseins machen wollen und es zunehmend leid sind, in Sachen Kinder und Haushalt als ungeschickte und von der Natur benachteiligte Klappspaten abgestempelt zu werden.

 

Doch vielen Menschen fehlen häufig noch die Vokabeln, um zu konkret benennen, woher ihr Unbehagen in der Kultur rührt. Es gibt dieses Gefühl, dass etwas falsch läuft, doch es mangelt an Werkzeugen und Strategien, um sich dem Thema sachlich anzunähern. Wie können besonders Paare mit Kindern, die ihre Beziehung in Bezug auf die Verteilung von Care-Arbeit reflektieren möchten, einen gemeinsamen Startpunkt finden?

 

Dafür gibt es ab sofort den ersten

 

MENTAL-LOAD-SELBSTTEST: Do you equal care?!

Download
Der 1. Mental-Load-Selbsttest
Selbsttest zur Evaluation der Verteilung der häuslichen Sorgearbeit. CC-Lizenz für nicht kommerzielle Nutzung!
Mental Load Selbsttest_1019_CC.pdf
Adobe Acrobat Dokument 336.0 KB

für Eltern (bzw. Care-Gemeinschaften mit Kindern) und solche, die es werden wollen (und natürlich alle anderen auch - egal, in welchen Konstellationen oder Kontexten Care-Arbeit geteilt wird).

 

Der Test kostet nichts und das Ausfüllen dauert eine Viertelstunde. Einfach zweifach ausdrucken und eine Bestandsaufnahme machen. Dabei ist der Test kein Wettbewerb, keine Beweisführung, kein Vehikel zur Klärung von Schuldfragen. Er ist gedacht als handfeste Grundlage für weitere Gespräche.

 

Und er tut der romantischen Liebe keinen Abbruch. Denn Kloputzen hat mit Romantik einfach echt nix zu tun.

 

 

Oder wie es John McNamee ausdrückt:

https://twitter.com/piecomic/status/1021486128141086720

 

 

 

QUELLEN 

[1] https://www.wbur.org/dearsugar/2018/05/05/emotional-labor-invisible-work

[2] Maccoby, Elenor E.: Psychologie der Geschlechter. Sexuelle Identität in den verschiedenen Lebensphasen. Stuttgart 2000; Hannover, Bettina: Sozialpsychologie. Sozialpsychologie und Geschlecht: Die Entstehung von Geschlechterunterschieden aus der Sicht der Selbstpsychologie. In: Steins, Gisela (Hrsg.): Handbuch. Psychologie und Geschlechterforschung. Wiesbaden 2010. S. 27 – 42.

[3] https://www.youtube.com/watch?v=nWu44AqF0iI, Nash, A.; Krawczyk, R. (1994). Boys’ and girls’ rooms revisited. Vortrag vor der Conference on Human Development. Pittsburgh, Pennsylvania (nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge, München 2012, S. 315).

[4] Die Bewegungen beschränken sich dabei nicht auf den häuslichen Bereich, sondern inkludieren außerdem berufliche Fürsorgearbeit in Pflege- und erzieherischen Berufen beispielsweise. Mehr unter www.equalcareday.de

[5] EmmaClit (Sara Rutz): https://emmaclit.com

Patricia Cammarata: https://dasnuf.de/aber-ich-arbeite-vollzeit-und-meine-frau-nicht/#more-10812

Gemma Hartley: http://www.gemmahartley.com/the-book/

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