Angstgegner Kitaplatz: Wie wir ihn besiegt haben

Spoiler: Da das Unternehmen Juniko aktuell nicht mehr operiert, ist dieser Weg so derzeit nicht mehr beschreitbar.

 

"Waaaaas? Ihr habt euch noch gaaaar nicht bewooorben???"

Ich sitze mit dem sechs Monate alten Baby auf dem Boden eines Krabbeltreffs und blicke in aufgerissene Augen und Münder. Das Entsetzen der Anwesenden kommt aus tiefstem Herzen und bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg über die Stimmbänder bis in die Stirnfalten. Ich starre zurück. Ein dicker Sabberfaden erreicht den Teppich und das Baby verreibt ihn mit der Nase. Langsam senken sich die Augenbrauen wieder und kräuseln sich übergangslos zu einem Mitleidsdreieck.  "Aaaalso, das ist aber muuuuutig. Wir sind ja schon seit dem füüüünften Monat auf der Suche und stehen auf siebenundvierzighuuuundert Listen." 

 

Tja. Wir nicht. Die ersten Monate nach der Geburt hausten wir nämlich noch zu dritt in einer Einzimmerwohnung und hatten keine Ahnung, wo wir mittelfristig wohnen würden. Es war also Quatsch, 1.5 Jahre im Voraus einen Kitaplatz zu suchen, wenn wir in dem gleichen Zeitraum umziehen wollten. Der Berliner Wohnungsmarkt ist ungefähr genauso umkämpft wie der um Kitaplätze und mit Wunschkiez oder so was Abgefahrenem sollte man besser gar nicht erst antreten. 

 

In der erfolgreich gefundenen neuen Wohnung standen wir dann - acht Monate vor dem gewünschten Betreuungsbeginn - "nur" noch vor dem Angstgegner Kitaplatz. Wir taten, was man so tut. Wir legten eine Excel-Tabelle mit allen Einrichtungen im Umkreis von zwei Kilometern an (wir Optimisten, wir!), schrieben Mails und notierten im Anschluss sorgfältig Absagen, Wiedervorlagetermine und die Wartelistennummern im dreistelligen Bereich. 

 

Ehrlich gesagt glaubte keiner von uns daran, dass das so klappen würde. Bei der Kitakrisendemo sprachen Leute von jahrelanger vergeblicher Suche. Jobverlust. Finanziellem Ruin. Depression. In einer anderen Krabbelgruppe berichtete jemand, bereits zum zweiten Mal in der vierten Runde eines langwierigen Bewerbungsverfahrens rausgeflogen zu sein. Ins Assessment Center für einen Krippenplatz? Ich habe keine Worte dafür, wie sehr mich das abstieß. 

 

Und dann entdeckten wir Juniko. Das Leipziger Unternehmen bot an, für 20 Euro den ganzen Papierkram zu übernehmen, Dringlichkeitsanträge beim Jugendamt zu stellen und auf einen Platz in einer von drei Wunschkitas zu bestehen. Wenn das nicht klappte, sollte man danach mit dem perfekten paper trail erfolgreich klagen können und die Selbstbeteiligung wurde auf 250 Euro begrenzt.

 

Ääääh, wir so, ok, ähm - und wo ist der Haken?!

 

Wir fanden keinen und es gab nichts zu verlieren. Trotz Skepsis stellten wir Juniko alle erforderlichen Vollmachten aus und - warteten ab. Juniko übernahm dann fünf Monate lang die Kommunikation mit den Wunschkitas und dem Jugendamt. Als gut zwei Monate vor dm  gewünschten Betreuungsbeginn noch kein Platz in Sicht war,  wurden wir (mit unserem Einverständnis) an die Kanzlei Steve Winkler & Partner weitergereicht. Es folgte ein Beratungsgespräch mit einer Anwältin, die unsere Fragen zur Klage beantwortete. Hier das Gedächtnisprotokoll:

 

FRAGE: Können wir einen Kitaplatz ablehnen, der uns aufgrund der Klage angeboten wird?

ANTWORT: Ja, auf jeden Fall. Es ist und bleibt die Entscheidung der Eltern, welche Kita für das Kind passend ist. 

FRAGE: Gibt es irgendeine Möglichkeit, aufgrund der Klage seinen Anspruch auf einen Kitaplatz zu verwirken?

ANTWORT: Nein, im Grunde nicht. Wenn man nun einen Platz in der Wunschkita angeboten bekommt und diesen nicht annimmt, könnte es schon sein, dass Nachfragen kommen. Aber grundsätzlich besteht ein Rechtsanspruch auf einen Platz, den man nicht einfach so verwirken kann. 

FRAGE: Wie lange dauert das Verfahren?

ANTWORT: Wir empfehlen, das Verfahren vier bis sechs Wochen vor gewünschtem Betreuungsbeginn einzureichen. Dann geht es oft sehr schnell. Es kommt auch häufig vor, dass das Jugendamt, wenn die Klage da ist, kurzfristig Plätze anbietet. Dann kommt es gar nicht erst zu einem Verfahren. 

FRAGE: Kann man das Verfahren abbrechen, wenn man in der Zwischenzeit einen Platz bekommt?

ANTWORT: Ja, das Verfahren kann jederzeit abgebrochen werden. 

FRAGE: Wovon hängt es ab, ob wir die Kostenbeteiligung (max. 250 Euro) zahlen müssen?

ANTWORT: Von der richterlichen Entscheidung, wer die Kosten des Verfahrens trägt. Vor dem Sozialgericht ist dies nicht unbedingt die Beklagte. In den meisten Fällen aber müssen die Familien nicht zahlen. 

 

Danach war klar, dass wir das mit der Klage machen würden. Mitte November wollten wir nochmal mit der Anwältin sprechen und dann sollte es losgehen.

 

Es begab sich aber zu der Zeit, dass der Jugenstadtrat Falko Lieke Wind von Juniko bekommen hatte und auf Facebook&Twitter sinngemäß verlautbaren ließ, dass der Laden Abzocke wäre und  niemand Geld für einen Kitaplatz bezahlen müsse (er meinte die 20 Euro Gebühr von Juniko). Wer Hilfe bei der Suche benötige, möge sich sich an das Jugendamt wenden. 

 

Ha! Na das wollten wir doch mal sehen! Nach einem kurzen Social-media-Schlagabtausch mit Herrn Liecke gingen wir also nochmal zum Jugendamt zu der Stelle "Hilfe bei der Kitaplatzsuche". 

 

Die zuständige Person dort wollte von dem, was wir bisher unternommen hatten, nichts wissen. Sie erklärte uns lieber erstmal ausführlich, wie eine Suchmaschine funktioniert. Es ist dabei nämlich sehr wichtig, dass man unten auf "Suchen" klickt, damit ein Ergebnis rauskommt. Dann druckte sie uns noch kurz das Internet aus (ist ja für uns alle Neuland), markierte den Suchbutton mit einem pinken Textmarker und - das war's. Auf unsere Nachfrage, was man denn sonst noch für uns tun könnte, weil wir das eigentlich alles schon wüssten und jetzt klagen wollten, ging die Person in die Defensive und fühlte sich persönlich auf den Schlips getreten. Es sei ja schließlich ihre Behörde, gegen die wir klagen würden, da könnte sie jetzt gar nichts mehr sagen. Mit dem Gefühl, eine Stunde Lebenszeit verschwendet zu haben, gingen wir nach Hause und waren entschlossener denn je, den Rechtsweg einzuschlagen.

 

Doch die Klageankündigung hatte offenbar Wirkung, denn kaum zwei Wochen später erhielten wir einen Anruf aus dem Jugendamt: "Herzlichen Glückwunsch, wir haben einen Kitaplatz für Sie. Ab November. Tschüss." Mehr Infos gab es nicht, aber nach und nach wurde klarer, was passiert war. Offenbar sind wir mit der Klagedrohung auf einer Spezial-super-dringend-Liste ziemlich weit oben gelandet und der Kita mit dem freien Platz wurde deutlich gemacht, dass dieser Platz, wenn wir ihn wollen, auch unserer ist. Konkret sah das so aus, dass wir gleich am nächsten Tag die Kita ansehen konnten, die einzigen Bewerber*innen für den Platz waren und sogar übers Wochenende Bedenkzeit für eine Zu- oder Absage bekamen. Ja genau, so haben wir auch geguckt.  

 

Es war keine unserer Wunschkitas und wir hatten sie noch nicht mal in unserer Vielleicht-Liste, aber wir haben uns schnell dafür entschieden, das Glück nicht herauszufordern und den Platz anzunehmen. Und Glück haben wir wirklich gehabt, denn das Kind ist dort sehr glücklich. Die Erzieher*innen sind zugewandte und herzensgute Menschen, die respekt- und liebevoll mit den Kindern umgehen. Die anderen Kinder in der Krippengruppe und ihre Eltern sind allesamt extrem sympathisch und mit einigen werden sich vermutlich langfristige Freundschaften und auf jeden Fall ein sehr gutes Netzwerk entwickeln. 

 

Wir raten seither jedem, zu klagen. Ich weiß, dass es immer mehr Klagen werden, aber viele schrecken immer noch davor zurück. Der Rechtsweg ist aus meiner Sicht die sicherste Chance, zum gewünschten Zeitpunkt einen Platz zu bekommen. Das finanzielle Risiko einer Klage ist dank spezialisierter Kanzleien geringer als man denkt. Der Rechtsanspruch auf den Platz ist ja da. Natürlich ist es dennoch eine Frage der Ressourcen, diesen Weg einschlagen zu können oder nicht. Leider ist es Juniko nicht gelungen, den Ansturm der Interessent*innen zu händeln und pausiert das Angebot aktuell.  

 

Klagen erhöht zudem den Druck und ist eine deutliche Botschaft an die Politik: Erzieher*innen brauchen bessere Arbeitsbedingungen, Kitas brauchen Räume und ein Platzvergabesystem muss eingeführt werden (siehe hierzu Kitakrise Berlin)

 

Aber natürlich haben viele Leute auch anders Glück und sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Klinkenputzen ist die zweite erfolgversprechende Methode. "Wartelisten funktionieren nicht", formulierte N. neulich. Viele Kitas haben keine Lust, die endlosen Listen abzutelefonieren und sind dankbar, wenn jemand im richtigen Moment vorbeikommt und nachfragt. Doch klar, auch das ist mühsam und kann ziemlich entwürdigend sein.

 

Egal wie - ich wünsche allen viel Erfolg bei der Suche. Und wenn ihr schon einen Platz habt, setzt euch dennoch weiter für Verbesserungen von politischer Seite ein. Denn es mangelt nicht einfach nur an Plätzen, das System ist insgesamt falsch kalibriert und es ist im Sinne aller Familien, das zu verändern.

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